Ich bekomme viel Post dieser Tage und daher, vorab: Danke! Ich bewundere die Konsequenz und Energie, die es so vielen ermöglicht, in der besinnungslosesten Zeit des Jahres nicht nur an letzte Termine und Geschenkideen zu denken. Sondern eben auch an Freunde und Bekannte. So kann auch ich mich über viele gute Weihnachtswünsche freuen, obwohl ich selbst mangels organisatorischer Aufgeräumtheit kaum im Stande bin, solche auszuteilen. Auch Bemerkenswertes hat mich erreicht. Dazu zwei Beispiele.
Beispiel 1: Unterschiedliche Sichtweisen zum antifaschistischen Grundkonsens.
Nicht jede vorweihnachtliche Post muss das Weihnachtsfest zum Inhalt haben. Kurz nach der Wiener Wahl wurde im ORF ein Club 2 ausgesrahlt, der in Zusammensetzung, Themenwahl und was die Aussagen einiger TeilnehmerInnen betroffen hat, Übelkeit erregte. Der Titel war “Ruck nach rechts. Das Spiel mit der Fremdenangst”. Dabei bekamen unter anderem der rechtsextreme Lothar Höbelt oder auch die Anti-Islam-Hetzerin Elisabeth Sabaditsch-Wolff ein breites Podium. Deren “Argumenten”, in denen es pauschalisierend um “die Türken” oder “den Islam” ging, wurde von den anderen DiskussionsteilnehmerInnen leider kaum Sinnvolles entgegengehalten. Moderator Rabl hat im Grunde genommen auch noch bestätigt, dass es ja um ein “Problem mit Zehntausenden nicht integrierten und nicht integrationswilligen Türken” geht. Differenzierendes wurde kaum gesagt. Ich will das jetzt hier nicht weiter verbreitern. Jedenfalls haben rund 60 Uni-ProfessorInnen und andere einen offenen Brief geschrieben, um gegen die ORF-Vorgangsweise zu protestieren: club 2 brief_14okt2010
Den Brief hab ich damals auch unterstützt. Gestern erreicht mich in einem Mail von Brief-Initiator Ulrich Brand die ORF-Antwort:
S.g. Herr Professor Brand,
Vielen Dank für Ihr Interesse an unserer Sendung und ihre Stellungnahme.
Der Club 2 hat sich zum Ziel gesetzt, ein Forum der breiten, offenen Diskussion zu sein, in dem sehr gegensätzliche, oft auch provokante Thesen aufeinanderprallen können und sollen. Drei Tage nach dem Wahlerfolg der Freiheitlichen in Wien schien es doch geboten, sich mit den Ursachen und Wirkungen des Rechtpopulismus oder Rechtsextremismus auseinanderzusetzen. Dazu gehört es aus meiner Sicht, dass auch Vertreter des rechten Lagers zu Wort kommen. Den drei Vertretern der „rechten“ Positionen saßen drei scharfe Kritiker gegenüber, sowie ein Politologe, was eine sehr lebhafte Diskussion ergab.
Der Club 2 versteht sich als Plattform des freien Wortes, das muss auch für Menschen mit gesellschaftspolitisch rechten Positionen gelten, genauso wie für solche mit linken Positionen, sofern ihre Argumente auch Argumenten der Kritiker gegenübergestellt werden. Was im besagten Club auch geschah.
Ihre Unterstellung, dass die Club-2-Redaktion den antifaschistischen Grundkonsens der Republik gebrochen habe, ist auf das Entschiedenste zurückzuweisen. Gerade dem Club 2 diesen Vorwurf zu machen, ist absurd und geradezu lächerlich, betrachtet man die Themenpalette der Clubs in den vergangenen Jahren. Wir setzen uns regelmäßig mit gesellschaftspolitisch relevanten Strömungen auseinander, und wenn 27 Prozent der Wiener die FPÖ wählen, dann ist das auch für eine Diskussionsendung wie den Club 2 von Relevanz.
Ich hoffe, dass Sie diesen Argumenten etwas abgewinnen können und freue mich, wenn Sie der wachsenden Club-2 –Gemeinde treu bleiben.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Robert Stoppacher
Leiter Diskussionen Fernsehen
Mich ärgert das, und zwar sehr. Erstens ärgert mich, wenn sich eine Integrationsdebatte auf das Wiederkäuen von Platitüden und pauschalisierenden “Problembeobachtungen” beschränkt. Und das dann unter dem Credo des “Man wird ja noch sagen dürfen, dass…”. (Das ärgert mich auch, denn wer hat jemals behauptet, dass man sowas nicht “sagen darf”? Die Tatsache, dass intellektuell ähnlich anspruchsvolle Welterklärungsansätze permanent öffentlich erläutert werden, spricht ja ziemlich dagegen. Und deren Niederschlag in dem einen oder anderen österreichischen Medium auch…)
Was mich genauso ärgert ist die Reaktion von Robert Stoppacher im Namen des ORF. Selbstverständlich kann man Dinge unterschiedlich sehen. Aber dass ein ernst gemeinter und in voller Betroffenheit vorgebrauchter Vorwurf von 60 Uni-Leuten ausschließlich als “absurd und geradezu lächerlich” abgeschaßelt wird, ohne auch nur ein Fünkchen Nachdenklichkeit auszulösen…das ist schon ein starkes Stück. Es macht mich echt betroffen. Das alles wirkt eher wie ein trotzig-rotziger Gegenangriff eines auf frischer Tat ertappten Lausbuben und nicht wie eine klug-abwägende Auseinandersetzung. Ohne Letztere wird aber kein Problem im Zusammenhang mit Integration, kein komplexeres Problem überhaupt lösbar sein. Auch einem, der “sich ohne Antifa-Schaum vor dem Mund mit den alltäglichen Realitäten” (Rabl, oben bereits zitiert…) auseinandersetzt ist zumutbar, dass er die Welt in Nuancen wahrnimmt. Denn: “Die Türken” sind nicht unintegriert. “Die Türken” sind auch nicht frauenfeindlich und “die Türken” besetzen auch nicht gewaltsam Parks. “Die Türken” gibt es nicht. Genauso nicht wie “unsere Leut”. Auf allfällige Tipps für mein Politiker-Handeln auf Basis solcher Wirklichkeits-Konstruktionen kann ich verzichten . Da denke ich lieber selber nach.
Beispiel 2. Endlich Weihnachtliches
Die Jahresendzeit soll ja nicht ausschließlich ein Blick zurück im Zorn sein. Exemplarisch für vieles Richtige und Gute, das in den letzten Tagen in meiner Post war: Ein Weihnachtswunsch von “News on Video” (die Macher meines personalisierten Wahlkampf-Filmchens).Here we go:
Was sich News on Video zu Weihnachten wünscht? Eine tolerante, offene Gesellschaft in der sich die Menschen mit Achtung und Respekt begegnen, geprägt von Nächstenliebe und Solidarität.
Und weil das Christkind solche Wünsche nicht erfüllt, unterstützen wir die Initiative respekt.net.
Wir würden uns freuen, wenn sich im Kreis unserer FreundInnen und KundInnen engagierte Menschen finden, die sich auch für Respekt stark machen!
Also: Wer noch Weihnachts-Investments machen möchte….guter Tipp, finde ich.
Link: http://www.wutzlhofer.net/?p=1104

Jürgen Wutzlhofer schreibt am 2010-12-22 10:07:34



